{kA}: keine Ahnung von Schwerkraft
— Kanzlei für Raumbefragungen

Gebäude:

Würzburg, Graz, Murau, Zagreb, Graz2, Köln

Gebäude-Klangkomposition für den Französischen Pavillon auf der Musikbiennale Zagreb

Graz

Sauraugasse 4

Das zweite Gebäude der Serie {kA}: keine Ahnung von Schwerkraft, das Haus in der Sauraugasse 4, datiert aus dem frühen 17. Jahrhundert und befindet sich in jener historischen Altstadt im 1. Stadtbezirk, der so genannten „Inneren Stadt“ in der Nähe von Schlossberg und Rathaus. Die Altstadt, die sich insgesamt über sechs Stadtbezirke erstreckt, kennzeichnet ein enges Gassensystem, geprägt von Sakralbauten und eine für mitteleuropäische Städte typische niedrige und homogene Verbauung.


{ BEGEHUNG }

Ein leerstehendes Gebäude in Graz zu finden, stellte sich als recht kompliziert heraus. Nach aufwändiger Recherche und zahlreichen Anfragen kam es dann zu einem Kontakt über das Land Steiermark. Das für die Arbeit vorgeschlagene Gebäude liegt in der Sauraugasse 4. Es hat einen L-förmigen Grundriss, der mit einem Flügel an der Straße liegt, mit dem anderen in die Seitengasse ragt. Bei der ersten Besichtigung im April 2011 im Beisein eines Herrn von der Steiermärkischen Landesverwaltung waren hier noch verschiedene Büros fest eingerichtet gewesen. Als ich dann den Schlüssel ausgehändigt bekam und am 1. August das Gebäude alleine betrat, gähnten mich die mittlerweile ausgeräumten Räume an. Eine gänzlich andere Atmosphäre am gleichen Ort. Das Erdgeschoss ist fast völlig leer geräumt. Wo vormals noch Tische und Schränke standen, gibt es jetzt nur harten Estrichboden, große Glasflächen zur Straße und zu einem Innenhof, Werkstattmetalltüren und Überreste früherer Nutzungen wie angelehnte Metallschienen, Müllsäcke, einen alten Plotter, zusammengefegte Schutthaufen und eine große Ladung in Papier eingeschlagener Metallschilder mit der Siebdruckaufschrift: „Ortsbildschutzgebiet“.

Ansonsten gibt es viel Licht und Außengeräusche, die durch die Scheiben in die Hallen dringen. Werkstattcharakter, kahle Räume, sehr lange Hallzeiten, diffus. Auf dem von der Behörde übersandten Plan finde ich zwei der Wände aus dem der Straße abgewandten Teil des Untergeschosses nicht wieder. Hier wurden Räume eingebaut, Rigips-Wände eingezogen. In der ersten Woche sitze ich mit einem Stuhl in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Untergeschosses. Während der Geschäftszeiten hört man die Autos, wie sie gegen einen losen Kanaldeckel stoßen, und wenige Passanten an der Straßenseite vorbei gehen. Zwischendurch immer wieder Glocken und Stimmen aus dem Innenhof. Das Erdgeschoss ist in Kammern aufgeteilt, die jeweils in einen weiteren Abschnitt führen. Kein Gangsystem, an dem Einzelräume liegen. Öffnet man alle Türen im Innenbereich, kann man fast alle Außengeräusche in verschiedenen Lautstärken hören. Lehnt man Türen an oder öffnet sie nur ein wenig, entstehen wahrnehmbare Dämpfungen und Filterungen. Am Wochenende werden die Autos weniger und die Passanten mehr. Ganze Ströme von Freizeitgestaltern bewegen sich an dem Gebäude vorbei in Richtung Stadtpark. Samstagabend, ein sich langsam bewegender Tross von Partypeople, der vom Schlossberg zum Forum Stadtpark zieht, grölt über Stunden bis spät in die Nacht. Ich sitze drinnen, alle Lichter aus. Ich befinde mich mitten in einem geschäftigen Treiben, sehe die Schatten, die durch die Scheiben fallen, kann die Menschen ahnen, höre den Widerhall ihrer Stimmen, Schritte die durch das Gebäude klingen und habe das Gefühl, mich in diesem Wabern aufzulösen. {…}

{ GESCHICHTE }

Bei der Sauraugasse handelt es sich um einen geradläufigen Gassenzug, der von der Paulustorgasse zum Stadtpark führt. Am Eingang des Straßenzugs befindet sich das über Eck geführte Palais Wildenstein mit barocker Schaufassade, in dem heute die Polizeidirektion untergebracht ist. Die Sauraugasse, auf Plänen des 19. Jahrhunderts noch Basteigasse genannt, erhält erst 1934 ihren heutigen Namen.

Das Gebäude Nr. 4 hat in seiner langen Geschichte mehrfach Besitzer und Funktion gewechselt. Es handelt es sich um ein Wohn-Eckhaus mit drei Geschossen, mit einem zur Sauraugasse hin gelegenen Schopfwalmgiebel. Das Haus wurde 1612 erbaut und 1861 umgebaut, wobei es dabei eine neue Fassade erhielt. Das Eckgebäude ist im Hinterhof durch niedrigere Hoftrakte zu einer Vierflügelanlage verbunden. Die Bespielung für das Projekt {kA}: keine Ahnung von Schwerkraft findet in einem dieser kleineren eingeschossigen Gebäudeteile statt.

Im 19. Jahrhundert befand sich in der Sauraugasse 4 das Gasthaus „Zum goldenen Apfel“. Später wurde es Teil des Krankenhauses in der Paulustorgasse und als Wohnstätte des Personals genutzt. Die eingeschossigen Hofgebäude wurden 1953 als Geschäftslokale mit eigenem Eingang umgebaut. Später wurde das Gebäude über lange Jahre von der Medienfabrik Graz angemietet und als Büro-, Geschäfts- und Lagerraum genutzt. Aus dieser Zeit resultieren auch Umbauten, die das Gebäude in seiner heutigen Form prägen.

Später, nach Rückgabe des Hauses an das Land Steiermark, wurde es als “Ausweichquartier” genutzt, während die Gebäude am Karmeliterplatz 2 und der Paulustorgasse 4 umgebaut wurden. Zunächst wurden dort Teile der Naturschutzabteilung untergebracht. Derzeit wird das Haus von der Geschäftsstelle der ASVK (Altstadtsachverständigenkommission) genutzt.

Wie oft bei alten Gebäuden mit reichhaltiger Geschichte, ranken sich auch um das Gebäude der Sauraugasse Anekdoten. Eine davon erzählt folgendes: An einem Nachmittag geht die ehemalige Leiterin der Abteilung Bildende Kunst des Forums Stadtpark in Begleitung eines Mannes die Gasse entlang. Zu dieser Zeit war das Gebäude noch vorübergehend als Möbellager genutzt worden. Der Herr neben ihr zeigt Interesse an den Möbeln, die er gerne für eine künstlerische Arbeit verwenden wollte. Die Dame willigt ein und organisiert dem Herrn die Möbel. Und so ging ein Teil des Mobiliars aus der Sauraugasse 4 in Martin Kippenbergers Kafka-Installation ein. {sr}

Quelle: Österreichische Kunsttopographie, hg. v. Bundesdenkmalamt, Band LIII, Die Kunstdenkmäler der Stadt Graz. Die Profanbauten des I. Bezirkes, Altstadt, bearbeitet von Wiltraud Resch Wien: Anton Schroll 1997, 417-541

Sauraugasse EG

{ RAUMBEFRAGUNG }

Das Gebäude reagiert völlig anders als das Würzburger Gebäude oder andere Testräume. Mir wird sofort bei den ersten Raumbefragungen klar, dass ich in der unteren Etage mit sehr unterschiedlichen Hallzeiten umgehen muss. Die verschiedenen Räume, die zudem durch mehrere Türen verbunden sind, produzieren verschieden lange Hallfahnen. Die in den letzten Monaten entwickelten Raumbefragungs-Werkzeuge verschwinden zum Teil in immensen Hallgemischen, Umgebungsgeräuschen und fallen unter die Hörbarkeitsgrenze aufgrund der großen Entfernungen von der Quelle zum Ohr. Und so dauert es eine Weile, bis die Raumbefragung mit Hilfe des akustischen Software-Werkzeugkastens verwertbare Antworten fördert. Die Burst- und Bewegungswerkzeuge provozieren wabernde Klangwolken. Die Ergebnisse der einzelnen Räume überlagern sich schnell, wenn man zu viele Fragen gleichzeitig oder zu schnell stellt. Entsprechend sind auch die ersten Aufzeichnungen zunächst völlig unbrauchbar. Hinzu kommt, dass die Werkzeuge bisher einzeln am Laptop eingestartet und beendet werden müssen. Dieses Gebäude erfordert aber eine Automatisierung der Befragungen, damit ich mich im Gebäude bewegen kann, um die Veränderungen einzelner Klänge von der Quelle bis zum Abhörpunkt und in anderen Gebäudeteilen nachvollziehen zu können. Die Wege sind hier viel länger als in den bisher befragten Gebäuden, und die Färbung und Dämpfung der Klänge sowie deren Mischungen sind nur zu verstehen, wenn man während der Befragungen hilfsweise Abhörpunkte auf der Strecke zu dem geplanten Konzertpunkt bestimmt. Zusammen mit Thomas Musil habe ich dann ein universelleres Raumbefragungswerkzeug entworfen, das wir im Gebäude entwickelt und getestet haben. {…}

{DIE KOMPOSITORISCHE ANTWORT }

„Nicht immer verstehe ich selbst, woran ich arbeite. Hätte ich es verstanden, dann müsste ich nicht daran arbeiten. Aber ich lasse den Zuhörer (Zuschauer) an dieser Erfahrung und Entdeckung teilhaben.”

(Heiner Goebbels, in Komposition als Inszenierung, S.139)

keine Ahnung von Schwerkraft versteht sich als Ansatz für eine Kompositionsweise, die im Dialog mit ihren Bedingungen entsteht und besteht, und zwar sowohl den musikalischen als auch medialen, organisatorischen und technischen. Es geht mir um den Lernprozess und die Verfeinerung meiner kompositorischen Möglichkeiten im Rahmen dieser selbst gestellten Bedingungen. Mit keine Ahnung von Schwerkraft möchte ich eine flexible und anpassungsfähige künstlerische Praxis auf der Reise erarbeiten. Das „Sich-Aussetzen“ und immer wieder „Zurechtfinden“ gehört als Herausforderung des Alltags im und um das jeweilige Gebäude bei der Etablierung dieser künstlerischen Technik dazu. Hierbei suche ich immer den Kontakt zu einem Publikum vor Ort, um das Werk und die von mir verwendeten Begrifflichkeiten an der Außenwahrnehmung zu überprüfen.

Die Klangsituation vor Ort besteht aus 7 prominenten Elementen: Die Kirchenglocken in der Umgebung, die vorbeifahrenden Autos auf dem Weg von oder zu der Tiefgarage, die Passanten auf Ihrem Weg in den Stadtpark, das knarzende Gebälk unter dem Dach, der knackende Holzboden sowie das Knacken der Lampen am Abend und die Geräusche aus dem Innenhof, in dem Autos parken und sich die Bewohner der benachbarten Gebäude unterhalten. Je nach Wochentag und Witterung heult der Wind um das Dachgeschoss und die Konzertklänge von den Kasematten am Schlossberg wehen in Fetzen herüber. Und jeden Samstag um 12 Uhr der Feueralarmtest aus der ganzen Stadt.

Ich erarbeite zunächst drei akusmatische Gruppen von Klangsituationen: Erstens Atmosphären, die sich an den Umgebungsgeräuschen des Gebäudes orientieren, aber nicht auf den gemachten Aufnahmen beruhen, sondern synthetisch erzeugt wurden. Zweitens perkussive Burstverkettungen, die zunächst als Raumanreger und später als Raummarkierungen eingesetzt werden können, um Koordinaten im unsichtbaren Raumsystem festzusetzen. Und drittens vom Umgebungsklang unabhängige Drones, die als Raumfüllungen, skulpturale Grundmaterialien für die Raumschwerpunktverschiebungen und zur Raumfärbung dienen. {…}

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Soundscape

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Innenraum - Stille

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Glocken & Sirenen - Samstag 12 Uhr

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 test 1

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 test 2

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 test 3

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Interlude 1

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Interlude 2

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Epilog

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Gebäude-Klangkomposition (Mikrophonposition 1)

  • 2013/05/07 - Sauraugasse 4 - Gebäude-Klangkomposition (Mikrophonposition 2)