{kA}: keine Ahnung von Schwerkraft
— Kanzlei für Raumbefragungen

Gebäude:

Würzburg, Graz, Murau, Zagreb, Graz2, Köln

Gebäude-Klangkomposition für den Französischen Pavillon auf der Musikbiennale Zagreb

Murau

Alte Gerberei

{ ANNÄHERUNG AN DEN UNBEKANNTEN RAUM }

Die dritte Gebäudekomposition der Werkreihe {kA}: keine Ahnung von Schwerkraft hat sich mit der alten Gerberei in der Anna-Neumannstraße 20 in Murau, Österreich auseinander gesetzt. Die Arbeit war Teil der REGIONALE12, dem biennalen Festival für zeitgenössische Kunst und Kultur im Sommer 2012. Über einen Zeitraum von 13 Monaten wurde im Vorfeld ein Gebäude in der Umgebung des Festivals gesucht. Am Ende viel die Wahl auf einen Leerstand im Zentrum der Gemeinde, in einer gutbürgerlichen Einkaufsstraße, mit pittoresken Ladenlokalen, die zu fast 50 % leer stehen.


Früher eine der „schicken Einkaufsmeile“ der Region, fristet sie nun ein Dasein als enge Durchgangsstraße für den Autoverkehr. Für die Touristen, die sich durch das Viertel bewegen, wurden die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte durch Schaufensterpuppen, Schilder und Auslagen der wenigen verbliebenen Betriebe dekoriert. Geht man zügig an den alten, bunt gestrichenen Architekturen vorbei, fällt einem fast nicht auf, dass das Angebot der aktiven Geschäfte kleiner ist, als dies die Breite der Schaufensterauslagen vermuten ließe. Um überleben zu können, muss hier Leerstand mit Konsumattrappen getarnt werden. Beim ersten Betreten der Alten Gerberei im Herbst 2010 musste ich unwillkürlich die Luft anhalten. Kalt, nass, finster, modriger Geruch - ein unwirtlicher Ort. Das bisher größte Gebäude der Kompositionsreihe steht Mitten im Ortskern der Gemeinde. Ein altes massives Gemäuer gegenüber der Festival-Zentrale der REGIONALE12. Jetzt, da die Kälte in die Knochen steigt, wird mir klar, dass ich mich dem Ort mit einer naiven Vorstellung von Altbau und historisch aufgeladenen Mauern und autistischer Atelierkünstlerromantik genähert habe. Die Fotos haben eine andere, heimatlichere Geschichte erzählt: Ein rosa und blau gestrichener Doppelhausbau, mit alten Holzläden und Hirschgeweih über der Tür sowie verblassten Malereien an der Außenfassade. Jetzt –innen-, die Atmosphäre abweisend, feindlich – hier sind die Geschichten verschlossen, die Atmosphären verwischt, die ersten Nachhalle einsam und sehr kurz, die Außenwelt ist verbannt, der Innenraum entwidmet, das Gebäude aus der Aktiven Wahrnehmung der Umgebung gelöscht. Ein geheimer Tresor. Mit einer Taschenlampe leuchte ich die Ecken ab, suche den Stromkasten, finde Schalter, Türklinken, Durchgänge, Treppen. Massiver Stein überall, ausgetretener graubrauner Boden, die Wände die Decken, massiv und abweisend. Ein Labyrinth aus Kammern, ein Kellergewölbe, grau. Fahles Licht dringt durch die Ritzen dicker Holzverschläge vor blinden Scheiben. Ich nehme alte Maschinen war, Schuttberge, Steintröge in den Böden, Fensterläden, eine Steintreppe führt aus dem Kellerbereich in ein Obergeschoss zu einer verlassenen Werkstatt, eine geflieste Treppe führt aus dem Eingansbereich zu einem Wohnbereich, Parkettboden knarzt. Unzählige Türen. Überfordert knipse ich Fotos, Details über Details, Durchlässe, Baustoffe, Badezimmer, zurückgelassene Gardinen, Bilder, Lampen, leere Räume, Asche eines ausgebauten Kachelofens, ein schier endloses Kammersystem, das seine Geschichte und Geschichten gefangen hält. Und dann beim Rückzug eine versteckte Tür mit Riegel, dahinter eine ausgetretene morsche Treppe nach oben, Vögelgezwitscher, das Rauschen der Mur, ein zu allen Seiten halboffener Dachboden, vermutlich über der gesamten Länge des Gebäudes schwebt der Giebel auf massiven hölzernen Säulen. Ich erfahre später, dass hier die Häute getrocknet wurden. Die erste Begehung dauerte ca. drei Stunden. Das Gebäude war mir für drei Monate und den Festivalzeitraum zur freien Verfügung übergeben worden. Die REGIONALE12 hatte lediglich zur Auflage gemacht, dass sich Besucher in kleinen Gruppen durch das Gebäude bewegen können sollten.

Auf der Autofahrt zurück in Richtung Graz notiere ich eine Frage: 600qm begehbare Gebäude-Klangkomposition?

Als ich am 26. Mai 2012 das Gebäude ein zweites Mal besuche, liegen Monate des Recherchierens und des Planens mit der Kanzlei für Raumbefragung hinter mir. Das Stadtarchiv hatte nur wenig über die alte Gerberei zu berichten. Das Gebäude ist verzeichnet, aber nur mit wenigen Zeilen in der Chronik erwähnt, es gibt nur unvollständige Baupläne. Nahezu jeder kennt die alte Geberei, hat eine Geschichte zu berichten, aber die Gespräche sind kurz und flüchtig, die Anwohner reden nur ungern über die Straße, die Abwanderungstendenzen und die Leerstandsentwicklung in der Stadt. Jeder ist betroffen und wir sind hier alle Eindringlinge. Mit dem Betreten beginnt ein vierwöchiger Arbeitsprozess, in dem ich mich alleine dem Gebäude tagtäglich kleinschrittig annähern werde. Es ist heiß in Murau, die ersten Touristen strömen in T-Shirts durch die Anna-Neumannstraße. Das Gebäude hingegen wirkt wie ein Gefrierschrank. Mütze, Schal und Fleecejacke werden zur Arbeitskleidung vom ersten Tag an. Ich schließe jeden Morgen auf und hinter mir ab, Der Schlüssel hängt neben der Tür, damit ich ihn nicht im Labyrinth verlegen kann. Ich ziehe mich um und dann begehe ich das Gebäude, Raum für Raum, Stunde um Stunde.

{ ANEIGNUNG }

Am zweiten Tag kommt der Spediteur und bringt das gesamte Equipment aus Deutschland. Ein aus 32 Lautsprechern bestehendes System mit Kabeln für das gesamte Gebäude, Computern, Interfaces, das gesamte Instrumentarium zur Gebäudekomposition, das ich seit 2009 mit dem Institut für Elektronische Musik und Akustik der Kunstuniversität Graz geplant und geprobt und am Atelier für Klangforschung der Universität Würzburg weiterentwickelt habe. Ein kurzer Gruß an den Spediteur und seine mit ihm reisende Frau, die die Werkreihe seit 2010 begleiten und dann bin ich wieder allein mit mir und dem Gebäude und seinen Klängen. Nach ein paar Tagen gewöhne ich mich an die Temperaturschwankungen. Ich verzeichne die Räume und Kammern, sowie Fenster und Türen zur Straßen- und zur Gartenseite und notiere die Höreindrücke zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten. Nach einer Woche kann ich das Gebäude mit all seinen Räumen und Treppen und einigen entsprechenden Lichtstimmungen im Kopf durchwandern. Nach den für die Gebäudekompositionen aufgestellten Routinen mache ich vom ersten Tag an Audioaufnahmen, die ich am Abend im Hotel Lercher, meinem Zuhause für die kommenden Wochen abhöre und analysiere. In den Pausen sitze ich am Brunnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und versuche, mich aufzuwärmen. Gleichzeitig läuft immer mein Aufnahmegerät und nimmt die Straßengeräusche und die „Murau-Soundscapes“ auf. Das Rauschen der Mur ist allgegenwärtig, ein breites Band, dass sich durch das Gesamtklangbild flicht. Würde man die Mur als Grundton auf dem „Soundscape-Mischpult“ ausschalten, würde im weiten Umkreis die gesamte Stadtklangwelt implodieren. Die Mur ist das Rückgrat des Murau-Klangkörpers. Sie klingt durch und in den Gassen und bis in die Gebäude. Sie ist das Fundament aller auralen Architekturen, die hier bei Tag und Nacht die Anwohner in ihrem Leben errichten. Sehr bald wird klar, dass das Gebäude aufgeteilt werden muss. Trotz Rohrleitungssystemen und Luken im Gebäude gibt es wenig akustische Brücken zwischen den Gebäudebereichen und den Stockwerken. Eine begehbare Gesamtinstallation, wie dies z.B. in der Gebäudekomposition in der Sauraugasse 4 in Graz der Fall gewesen ist, ist aus keiner zentralen oder dezentralen Abhörsituation komponierbar. Zudem haben die Gebäudebereiche aufgrund ihrer ursprünglichen Widmung und entsprechenden baulichen Gestaltungen sehr unterschiedliche Klangeigenschaften. Die Räume zur Straße hin werden völlig anders gefärbt als die zum Gartenbereich gelegenen. Außerdem müssen wegen der Anforderung der Begehbarkeit diverse Abhörpunkte gefunden werden, was für eine lokalere Bespielungen bzw. Zusammenfassungen von Raumkonstellationen im Rahmen der Kompositionsarbeit spricht. Durch die mehrwöchigen Begehungs- und Befragungsphase wurden die atmosphärischen Eigenschaften der Raumsystematik erlernt. Ich experimentiere über Tage und Nächte mit Lautsprecherkonstellationen im Gebäude. Die Befragungen durch den akustischen Werkzeugkasten fallen ausführlicher als bei allen bisher befragten Gebäuden aus. Für die Ausführung der kompositorischen Antwort wird wieder eine Raum-Klangpartitur erstellt, die am Ende drei Klangzonen vorsieht, die nacheinander auskomponiert werden:

I. Keller

II. Wohnbereich

III. Werkstatt.

{ DAS KLANGMATERIAL ALS SCHLÜSSEL ZUM RAUM }

Es geht bei den Gebäudeklangkompositionen nicht darum, Originalklänge nachzuempfinden, die sich vor Ort in das Bewusstsein drängen. Der Ort mit seinen klanglichen Eigenheiten soll nicht nachgestellt werden. Auch werden hier keine konkreten Klänge eingespielt, um visuell ableitbare Geschehnisse einer fiktiven Vergangenheit (stillgelegter Antriebsmotor - Maschinentätigkeit, geflieste leere Küche - Küchengeräusche) einzuspielen, zu konstruieren oder gar rekonstruieren. Keine Ahnung von Schwerkraft verweigert sich dem historisierenden Hörspiel. Es geht um das hier und jetzt. Die ehemaligen Bewohner sind nicht mehr da, leben zum Teil nicht mehr, die Maschinen sind außer Betrieb oder abgebaut. Die Türklinken werden nicht mehr betätigt und in den Bädern fließt kein Wasser mehr. Auch Film-Sounddesign ist das Gegenteil von keine Ahnung von Schwerkraft. Im Film, besser im Kinosaal, wird der Körper des Besuchers ausgeschaltet, gemütlich gebettet, sediert oder gar aufgelöst. Der Raum wird abgedichtet, damit er möglichst wenig Eigencharakter hat. Die Aufmerksamkeit wird auf ein minimales Feld fixiert. Die technischen Apparate verschwinden, Kabel werden verborgen und versteckt. Auf der Leinwand bekommt fast jede Türklinke und jeder Raum ein designtes Klang-Kleid einer anderen Klinke und eines aufgezeichneten Orts übergestülpt, damit wir glauben, genau das zu hören, was wir sehen – eine Doppelung, eine Engführung der Wahrnehmung auf einen meist linearen und eindimensionalen Erzählstil. Was würde passieren, wenn die Türklinke bei ihrer Betätigung gar kein Geräusch machen würde, bzw. die Bahnhofshalle dumpf, wie ein Wohnzimmer klingt? Der Besucher, würde in der Erzählzeit anhalten und sich Fragen stellen und sofort selbst assoziativ nach einer Lösung der Spannung bzw. Brücke zwischen den „inkongruenten“ Elementen suchen. Er würde eine Eigenzeit entwickeln müssen, um die Geschichte selber ausformulieren zu können. keine Ahnung von Schwerkraft sucht die Klänge, die weit genug von den Maschinen, Raum-Klangsituationen, Aussenklängen, Materialgeräuschen entfernt sind, um nicht zu „vertonen“, gleichzeitig aber assoziativ nah genug am Gesamtklangbild und unzähligen Einzelereignissen der Umwelt dran sind, um die Wahrnehmung auf diese Einzelereignisse hinzuweisen und anzuregen, diese aktiv und selbst mit der artifiziellen Klangwelt zu verbinden oder gar beide Welten als eine zu hören. Es geht also darum, dass Gebäude für den Besucher zu erschließen, um dann die Wahrnehmung des Besuchers herauszufordern, sich dem Gebäude zu nähern, zu öffnen, und das Gebäude als Möglichkeitsraum zu erkunden, mit diesem in einen Hör-Dialog zu treten. Ein andauerndes inszeniertes Wechselspiel zwischen Fremdheit und Aneignung der Verhältnisse.

{ PERFORMANZ VON EIGENKLANG UND UMGEBUNG }

Der Besucher kann sich frei durch das Gebäude bewegen oder an den von mir eingerichteten Sitzbereichen verweilen. Die Stühle wurden nach akustischen Kriterien angeordnet, so dass in unterschiedlichen Räumen zwei bis fünf Stühle in die Raumsituation, den Hörachsen und relevanten Resonanzbereichen entsprechend, eingepasst wurden. So kann das auskomponierte Wechselspiel zwischen Gebäude, Gebäudeumgebungsklängen und elektroakustischer Klangwelt sowohl als Installation passiert oder aber ähnlich einer Konzertsituation sitzend wahrgenommen werden. Hierbei wird der Besucher selber zum Teil der Inszenierung. Die Bewegungen verursachen u.a. auf den verschiedenen Untergründen (Parkett, Stein, Lehm) Geräusche, die sich in die Atmosphäre der jeweiligen Raumzone einfügen oder vom Besucher wiederum zu der ihn umgebenden Klangwelt in Beziehung gesetzt bzw. von anderen Besuchern in ihrer Wahrnehmung, gehend oder sitzend, visuell und akustisch zu einer Atmosphäre zusammengefügt wird. Gleichzeitig fordert die für die Arbeit notwendige aktive Hörhaltung ein bewusstes Verhalten der Besucher untereinander. Wer sich selber nicht akustisch wahrnimmt, bricht in die Klangwelt des anderen drastisch ein oder erfährt dies als stiller Beobachter umgekehrt.

{ KELLER }

Die erste kompositorische Antwort wird im Kellerbereich gegeben. Die vergitterten Fenster zur Straßenseite sind die Membrane zwischen Gebäudeinnerem und der Außenwelt. Die Klänge der Autos und Fußgänger dringen deutlich durch die leicht vibrierenden Scheiben, verschwinden dann für den Moment, da sie von der dicken Mauer abgeschirmt werden und kehren mit dem nächsten Fenster wieder deutlicher zurück. Die nicht sichtbare Straße ist somit das die Gesamtsituation bestimmende Element der Kelleratmosphäre. Die Fenster und Wände wirken sich wie eine Filterung auf die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten vorbei bewegenden Klangquellen aus. Die Steintröge, Räume und Kammern zur Mitte des Gebäudes hin wirken vor allem als Resonanzräume. Dort gibt es außer einem ganz leisen Rauschen von Wasser, keine charakteristischen Geräusche. In diese Raum-Klangzone wird das erste System von Lautsprechern vorwiegend als Anreger der Resonanzräume und Verstärker der Straßenbewegungen eingebaut. In den folgenden Tagen sitze ich hier und versuche, das durch die vorangegangenen akustischen Befragungen Gelernte in einer Auseinandersetzung mit dem Raum und meinen Eindrücken und Aufzeichnungen einfließen zu lassen. Hierbei kommen die in den letzten Jahren und Gebäuden entwickelten Techniken der Klangaufzeichnung, Verstärkung, Synthetisierung und Filterung wie natürlich der Spatialisierung als Raumkomposition zum Einsatz. Es entstehen sechs 3’30’’lange Raum-Klangminiaturen, die in drei Atmosphärengruppen aufgeteilt wurden. Der Computer wählt, nach dem er sich am Morgen selbst einschaltet, nach Zufallsprinzip die erste Miniatur aus und folgt dann einem programmierten Regelwerk hinsichtlich der Auswahl der Folgekomposition, der Reihenfolge und den Wiederholungen. Der Auswahlprozess dauert jeweils 10 Sekunden.

{ WERKSTATT }

Folgt man der im hinteren Bereich des Gewölbes befindlichen engen Steintreppe aufwärts, betritt man den Werkstattbereich. Ein System aus vier durch einen verwinkelten Gang verbundenen Arbeitsräumen und eine kleine Toilette die über eine Lüftungsluke die einzige akustische Brücke zum Wohnbereich im Zweiten Gebäudeteil bildet. Die Stimmung ist hier viel freundlicher als im Gewölbebereich. Tageslicht fällt durch große Fenster von der Gartenseite ein. Auch hier wird unter Einbeziehungen der vorangegangenen Gebäudebefragungen und persönliche Aneignung der akustischen Verhältnisse ein System aus Lautsprechern in die Räume, Maschinen, Winkel und Rohre eingebaut. Ein Fenster im oberen Werkstattbereich wird zur Gartenseite geöffnet und fixiert. Zweimal täglich dringt hier das Gebell eines bestimmten Hundes (ich weiß bis heute nicht, wie er aussieht) hinein. Die Vögel im Garten erweitern den musikalischen Hörraum über die Mauern der Gebäuderückseite hinaus. Die außer Betrieb gesetzten Maschinen stehen wie Skulpturen still in den Räumen. Im Betrieb müssen sie einen Ohren betäubenden Lärm gemacht haben. Hier entstehen neun in drei Gruppen aufgeteilte Raumklangkompositionen, alle ebenfalls mit der Länge 3’30’’. Sie werden von einem Computer ebenfalls nach den oben beschriebenen Prinzipien ausgewählt und abgespielt. Verbleibt man in dieser Raum-Klangzone für ca. 33 Minuten, sind alle neun Kompositionen einmal erklungen.

{ WOHNUNG }

Der dritte Klangraum unterscheidet sich deutlich von den beiden ersten. Durch die im Gebäude höher gelegenen Fenster tritt mehr direktes Sonnenlicht in die Räume. Die Gesamtatmosphäre wirkt weicher aber nicht weniger beklemmend. Hier entsteht der Eindruck, die Bewohner hätten kurz vorher das Haus verlassen: Tapeten an der Wand, Linoleum in der Küche, Reste der Küchenmöbel, Lampen und Leuchter an den Wänden, intakte aber stillgelegte Badezimmer mit Spiegelbeleuchtung. Auf dem Boden Abdrücke und Kratzer verschwundener Möbel. Im Wohnbereich liegt durchgehend laut knarzendes Parkett. Wo und wie man auch tritt, der Boden tönt in Variationen in allen Räumen. Ich stelle mir mit geschlossenen Augen vor, dass sich hier vier Personen in den verschiedenen Räumen aufhalten und bewegen. Ich höre ein Konzert. So wird in dieser Klangzone zur ersten Regel der Komposition von Klang- und Dynamikentwicklung, dass sich alle eingefügten Elemente so wie die Lautsprecherpositionen an der Klanghaftigkeit und Perkussivität bzw. dem jeweiligen Potential des Parkettbodens orientieren. Das bedeutet zunächst, dass die komponierten Eingriffe in ihrer Grundstimmung sehr leise und fragil sein müssen. Hinzu kommt, dass es wegen der Anregungspotentiale im Parkett viel mehr Raum (Lücken) geben muss, als dies bei den beiden vorherigen Gebäudeabschnitten der Fall gewesen ist. Betritt man die Etage, kann es sein, dass man zunächst gar nichts hört, weil man die Begegnung auf einer anderen Lautstärke erwartet. Erst, wenn die Ohren „herabsinken“ kann die Gesamtkomposition in den Aufmerksamkeitsbereich aufgenommen werden. Teilweise sind die Klänge so „unterschwellig“ in Lautstärke und Bewegung, dass ich beim Komponieren und wiederholten Abhören die Luft anhalte, damit ich den Höreindruck nicht mit meinem Atmen verwische. Jedes Klangereignis zählt zur Komposition. Bis zum Ende der Ausstellungszeit befand sich eine große Fliege im Wohnbereich, den das Insekt in unregelmäßigen Abständen durchflog. Besucher haben hinterher immer wieder von der auffälligen Lautstärke dieser Flugbewegungen berichtet. Um den Gartenbereich mit einzubeziehen und auch hier die Außenwelt lokal in die Raumkomposition mit einzubeziehen, wird im Küchenbereich ein Fenster gekippt und fixiert. Auch hier hört man jetzt zweimal am Tag den Hund und Vögel, so wie den Bach, der unter dem Haus hindurch und in die Mur fließt. Auch hier entstehen neun in drei Atmosphären- und Bewegungsgruppen unterteilte 8 kanalige Raumklangkompositionen von jeweils 3’30’’ Länge, die von einem Computer ausgewählt und abgespielt werden.

{ ÖFFNUNG }

Am 22. Juni übergebe ich das Gebäude der REGIONALE12-Leitung und damit der Öffentlichkeit. Im folgenden Festivalmonat ist das Gebäude täglich von 10.00 – 20.00 Uhr geöffnet gewesen. Laut Festivalveranstalter wurde das Gebäude bis zum Abbau am 23 und 24. Juli 2012 von knapp 1000 Festivalbesuchern erkundet.

{ {wiegenlied} : MURAU KONZERT }

Am 06. und am 07.07.2012 wurde auf dem Dach der Gerberei ein vierter Klangraum eröffnet. Der Dachstuhl ist nach allen vier Seiten zur Stadt geöffnet. Hier wurden früher die Waren zum Trocknen aufgehängt. Diese Klangzone wird durch die Klänge der Stadt umspült oder gar geflutet. Ich habe für die Sonderveranstaltung in diese Klangumgebung eine zweite eingebaut, nämlich die sechs-kanalige Klanginstallation „wiegenlied“, die ich für das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen zwischen 2009 und 2010 für das imposante Foyer der Landesvertretung in Berlin komponiert hatte. Damals bin ich ein Jahr durch mein Heimatbundesland gereist und habe Klänge gesammelt, aus denen dann in der Folge Klangfragmente, rhythmische Strukturen und Klangfarben für die fertige Installation herausgearbeitet wurden. Bei den sechs bestuhlten Sonderkonzerten für jeweils 10 Hörer in Murau konnte das Publikum dem Wechselspiel der über sechs im Dachstuhl angebrachte Lautsprecher eingespielten und von mir live eingemischten Klanginstallation „wiegenlied“ mit den Umgebungsklängen der Gemeinde Murau beiwohnen.

{ LEERSTAND ALS THEMA KÜNSTLERISCHER AUSEINANDERSETZUNG }

Für diese Werkreihe wichtig ist die Thematisierung eines alltäglichen Phänomens. Gebäudeleerstand hat es immer schon gegeben, aber in den letzten 15 Jahren wurde dieser in Innenstädten und Randbereichen immer auffälliger. Manche Fußgängerzonen sind oberhalb der ebenerdigen Geschäftszeilen nahezu verwaist. Während man früher allenfalls durch diskrete Schilder des Maklers auf die Mietmöglichkeiten eines Objekts hingewiesen wurde, haben in den letzten Jahren die Transparente mit der Aufschrift „Zu vermieten, provisionsfrei abzugeben!“ stetig größere Dimensionen an den Fassaden angenommen, während gleichzeitig ein paar Meter weiter ein Büro- oder Gewerbebauboom stattfindet. Im Rahmen der Arbeit findet eine temporäre Umwidmung eines Gebäudes statt, das als „leer“, im wirtschaftlichen Sinne nutzlos, meist über viele Jahre hermetisch gegen die Umwelt abgeriegelt, auf seinen Abriss bzw. seine Entkernung wartet, gleichzeitig aber eine eigene Geschichte, Gestaltung und Atmosphäre birgt. Gemeint ist die klangkünstlerische Nutzung ehemals wirtschaftlich und sozial im urbanen Umfeld völlig integrierter Gebäude (Kanzleien, Krankenhäuser, Kaufhäuser, Hotels, Amtsstuben), die aufgrund ihrer Vergangenheit mit Formen, baulichen Ästhetiken, klanglichen Eigenheiten (Nachhall, Absorptionseigenschaften der Räume, etc,) und nicht zuletzt Geschichten aufgeladen sind. Diese Leerstände gibt es in jeder Stadt. Orte, die entweder auf lange Zeit leer stehen und einer etwaigen Entkernung und Umwidmung entgegen sehen oder auf ihren Abriss warten, bis sich ein neuer Investor gefunden hat, der eine völlige Umgestaltung vornimmt. Diese „Einkapselung“ im öffentlichen Raum kann mitunter Jahre dauern, die PassantInnen nehmen diese Gebäude nach kurzer Zeit nicht mehr wahr, sie verschwinden in der öffentlichen Wahrnehmung. In der Gesamtheit des bewussten urbanen Raums entsteht eine Lücke, ein Nicht-Ort. Erst, wenn das Baugerüst befestigt oder gar die Abrissmaschinen installiert werden, rückt der Ort wieder in „die Öffentlichkeit“. Lücken der Wahrnehmung sind Ansatzpunkte für die Künste, denn hier können neue Territorien beschritten und erforscht werden und grundlegende Fragestellungen (z.B. Individuum und Klang-Umwelt, (un-)bewusstes akustisches Weltbild) neu kombiniert und thematisiert werden. Darüber hinaus soll aber mit den Mitteln der Klangkunst ein ephemeres Werk entstehen, das eben auf der Grundlage des „ausgemusterten“ Gebäudes, aus dem Gebäude und dem Ort heraus entsteht. D.h. Geschichte, bauliche Eigenheiten, wie Materialauswahl, Schnitt (Großraumbüros seit den 80er Jahren, kleine Zimmer im Messehotel, Stein-/Marmorböden in Eingangshallen internationaler Kanzleien, etc.) werden Bestandteile eines künstlerischen Gesamtkonzepts. Die häufig einseitige, abwertende Sicht- bzw. Hörweise auf diese Leerstellen oder gar Nicht-Orte in unserer unmittelbaren Nachbarschaft soll durch die alternative Interpretation des Orts erweitert werden. Diese Nicht-Orte sind auch Chancen.

  • 2014/09/01 - Murau, vor dem Gebäude. - Murau, vor dem Gebäude, Stereo.

  • 2014/09/01 - Murau, Wohnbereich. - Murau, Wohnbereich, Stereo.

  • 2014/09/01 - Murau, auf dem Dach. - Murau, auf dem Dach, Stereo.

  • 2014/09/01 - Murau, Test 1, Keller - Binaurale Aufnahme mit KFM 6. Bitte Kopfhörer verwenden.

  • 2014/09/01 - Murau, Test 1, Werkstatt, Position1 - Binaurale Aufnahme mit KFM 6. Bitte Kopfhörer verwenden.

  • 2014/09/01 - Murau, Test 1, Werkstatt, Position 2. - Binaurale Aufnahme mit KFM 6. Bitte Kopfhörer verwenden.

  • 2014/09/01 - Murau, Test 1, Wohnbereich, Position 1. - Binaurale Aufnahme mit KFM 6. Bitte Kopfhörer verwenden.

  • 2014/09/01 - Murau, Test 1, Wohnbereich, Position 3. - Binaurale Aufnahme mit KFM 6. Bitte Kopfhörer verwenden.

  • 2014/09/01 - Murau, Gebäude-Klangkomposition, Keller. - Binaurale Aufnahme mit KFM 6. Bitte Kopfhörer verwenden.

  • 2014/09/01 - Murau, Gebäude-Klangkomposition, Werkstatt, Position1. - Binaurale aufnahme mit KFM 6. Bitte Kopfhörer verwenden.

  • 2014/09/01 - Murau, Gebäude-Klangkomposition, Wohnbereich, Position1. - Binaurale Aufnahme mit KFM6. Bitte Kopfhörer verwenden.