{kA}: keine Ahnung von Schwerkraft
— Kanzlei für Raumbefragungen

Gebäude:

Würzburg, Graz, Murau, Zagreb, Graz2, Köln

Gebäude-Klangkomposition für den Französischen Pavillon auf der Musikbiennale Zagreb

Würzburg

Villa03

{ IM GEBÄUDE }

Das Gebäude im Hubland schien zunächst eine gute Idee. Leerstehend, verkehrstechnisch gut zu erreichen, ein unspektakulärer Bau, historisch aufgeladen, überschaubar, zweistöckig. Die Rätsel, die mir der Bau aufgeben und die tiefen Zweifel, die ich dort über Wochen ansammeln würde, habe ich bis zum Beginn der Arbeit nicht ahnen können.


Ich sitze und lausche und da ist erstmal wenig.

Wenig heißt nach einer halben Stunde: Grillen, eine Wasserspülung, die sich um 12 Uhr wie von Geisterhand betätigt (und die das an den folgenden Tagen auch tun wird), Wind-/Graszischen in verschiedenen Schattierungen und ab und zu eine Fliege, die innen gegen das Fenster fliegt. Und dann immer wieder verschiedene Kraftfahrzeuge, die hinter der Lärmschutzmauer sich mit verschiedenen Rauschintensitäten und in für einen kurzen Moment auftauchenden Pattern von links und/oder rechts in das akustische Panorama schieben, gleiten, einbrechen.

Ich gehe durch das Gebäude, sitze auf dem Boden im oberen Flur, sitze eine Weile im Wandschrank, stehe auf dem vermoosten und wackeligen Balkon. Tür auf, Tür zu, Fenster „auf kipp“. Überall Fliegengitter, aber die hört man nicht, nur, wenn der Wind das Aluminium bewegt, ein kurzes Rattern und wenn ich die Augen nach einer halben Stunde wieder öffne und aus der halb offenen Küche in das leere Wohnzimmer blicke, trist, leichtes Rauschen. Ich löse alle Fliegengitter an allen Fenstern einseitig und höre mir an, was der Wind mit diesen macht. Nicht viel, aber das muss ich sammeln.

Ich nehme die leeren Räume auf, notiere Zeiten, Takes. Nicht zu viel, Abhören braucht Echtzeit. Abends im Hostel setze ich dann Kopfhörer auf und lerne Mikrofonperspektive kennen. Was habe ich alles nicht gehört, was auf der Aufnahme zu finden ist? Warum nicht? Aber auch: Was fehlt hier, was ich in Erinnerung habe? Und dann vor allem eine wiederkehrende Erkenntnis: Konzentriertes Hören geht nur eine kurze Zeit, danach fängt man an, zu phantasieren. Auch spannend, aber man muss einen Umgang damit finden.

Und immer wieder, beim Wechsel zwischen dem oberen Stockwerk und dem Erdgeschoss, komme ich an dieser Ecke auf der mit Teppich überzogenen Treppe vorbei. Man läuft von beiden Seiten immer auf eine Wand zu und biegt dann ab. Am Ende der zweiten Woche im Bus zurück in die Stadt wird mir dann klar, wenn ich mich dort umdrehe und in die Ecke stelle, höre ich links mehr unten und rechts mehr oben. Sehr einfach. Am nächsten morgen sitze ich auf dem Teppichboden in der Ecke des Treppenaufgangs. Ich habe meinen Abhörpunkt gefunden.

Das Gebäude und der Klang seiner Räume wird über die Wochen vertrauter, ich werde feiner in der Wahrnehmung der aufgrund der Bauweise sehr ähnlichen, gleichförmigen Atmosphären. Obschon die immer wieder an den Fliegengittern rüttelnden Spaziergänger („kann man die Häuser mieten?“) mich erschrecken, wenn sie mich aus der Hörkonzentration reißen und mir wie unheimliche Eindringlinge vorkommen, beginnt das Gebäude als Gesamtatmosphäre greifbarer zu werden.

Das Alleinsein hat hier eine andere Dimension als im Studio. Während im Studio der Raum immer leer ist und die Lautsprecher mich im Zentrum erwartungsvoll und gleichzeitig bedrohlich anstarren („Mach was!“), ist hier der Raum immer dicht und „bedroht“ von äußeren Umständen und ich starre zurück in die Gänge, auf die Wände, an die Decke. Während ich im Studio mich auf eine Insel zurückziehe, bin ich hier wie auf einem Floß dem Unbill des umgebenden Mediums ausgeliefert. {…}

{ GESCHICHTE }

Beim ersten Gebäude der Reihe {kA}: keine Ahnung von Schwerkraft handelt es sich um die Offiziersvilla 3 des ehemaligen US-amerikanischen Militärgeländes Leighton-Barracks in Würzburg. Das 135 Hektar große Gelände befand sich von 1945 bis 2008 in Besitz der US-Streitkräfte und bestand aus einem guten Dutzend großer Wohnblocks, mehreren Einfamilienhäusern, mehreren Schulen unterschiedlicher Stufen, Sportanlagen und einem Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild („base exchange“).

Nach Abzug der zuletzt in Würzburg stationierten 1.US Infanterie Division 2008 wurde das Areal zunächst dem Bund übergeben. Das Land Bayern beschließt 2009 den Kauf von 39 Hektar des Leighton-Areals, um sie für die Erweiterung der Universität Würzburg zu nutzen (Campus Hubland).

Die Offiziersvilla 3 aus den 1970er Jahren ist eine Doppelhaushälfte zur Privatnutzung, also eigentlich ein ziviles Gebäude, in dem vermutlich eine Offiziersfamilie zur Zeit der Besatzung gewohnt hat. Das Gebäude ist unterkellert und verfügt über zwei Etagen, inklusive Dachboden, Carport, zwei Terrassenanlagen und Garten.

Das Erdgeschoß besteht aus Eingangsbereich, Abstellkammer, Gäste-WC, kombiniertes Wohn-Esszimmer, Küche mit Durchreiche und Büro. In der ersten Etage befinden sich vier Schlafzimmer und ein Badezimmer. Die beiden Etagen sind durch eine geschwungene Treppe miteinander verbunden. Im Keller befinden sich Heizungs-, Wasch- und Vorratsräume. {…}

{ MATERIAL }

Ich klebe Kontaktmikrofone an die Fensterscheiben der Villa03 und nehme am Morgen und in der Nacht auf. Das Material filtere ich, speichere, verstärke Frequenzen und spiele diese Klänge an verschiedenen Stellen im Gebäude wieder ein. Ich sammle, notiere und versuche, Reaktionen, Zusammenspiele und Durchdringungen zu reproduzieren.

Die Kellerlautsprecher z.B., vor allem der im Waschtrog, erzeugen bei tiefen Frequenzen um die 80 Hertz ein Vibrieren in Teilen des Fundaments, das sich auf das Holz des Treppenaufgangs und die Garderobe überträgt. Dieses Vibrieren erzeugt Geräusche und lässt sich steigern und rhythmisch zentral im Gebäude steuern. Ich nehme die „leeren“ Räume auf, spiele das Signal wieder ab, erzeuge Feedbacks und zeichne diese wieder als Material auf, um damit wieder den Raum anzuregen, seine Reaktionen zu provozieren.

Ich suche ein elektroakustisches Equivalent zu den Grillen, spiele kleine zirpende bursts, per Zufallsgenerator angeregt und mit unterschiedlichen Ereignisdichten. Und ich versuche, unterschiedlich gestimmte Sinusgeneratoren auf die einzelnen Räume zu legen, um an meinem Abhörpunkt eine Stimmung, gefärbt durch die verschiedenen Räumen, zusammen zu setzen. In meinem Rücken die Außenwand, durch die durch Hecken und Lärmschutzwand gefiltert, die Klangereignisse der Zubringerstraße dringen.

Die Straße wird zu einem wichtigen Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen. Die Lautstärken, die Frequenzen, die Bewegungen im Gebäude. Alle erzeugten und zu erzeugenden Klangkonstellationen sollen sich zu diesem Punkt verhalten. So geht es in der dritten Woche Tag und Nacht, solange die Konzentration reicht und die Ohren „halten“. {…}

{ AURALE ARCHITEKTUR }

Die Beziehungen zwischen Musik und Raum sind evident und haben die Musikgeschichte und -ästhetik bis heute geprägt – mit jeweils unterschiedlichen Auswirkungen auf die Musik selbst. Räume haben physikalische Eigenschaften, die die Töne, die in ihnen erzeugt werden, „erklingen“ lassen und gleichzeitig in ihrer akustischen Gestalt beeinflussen. {…}

Musik, die in Räumen aufgeführt wird, unterliegt bestimmten akustischen Eigenschaften der Räume und wird durch diese verstärkt oder in ihrer Entfaltung gehindert. Die Architektur hat hier bestimmte klangliche Qualitätsmaßstäbe zu erfüllen, um den Klang der Musik zu optimieren. Der Aufwand, der heute bspw. erbracht wird, um Konzerthäuser zu bauen, ist enorm.

Die Raumakustik aber kann, je nach Perspektive, in zwei Richtungen wirken: Sie beeinflusst unser Hören, indem sie die Töne, die in ihr erzeugt werden, verändert. Das kennt jeder, der schon einmal ein Konzert in einer Kirche (mit großem Nachhall) erlebt hat oder ein Konzert im Freien, in dem sich die Klänge zu „verlieren“ scheinen.

Es gibt jedoch auch eine andere Perspektive, die die umgekehrte Richtung einschlägt, Klang macht die Geometrie des Raumes hörbar: „We hear the emptiness of an uninhabited house, the depth of a cave, the nearness of a low hanging ceiling, the refinement of an office with expensive carpets, and the density of a city with cavernous avenues.“ (1) Barry Blesser und Linda-Ruth Salter sprechen hier von der Illumination des Raumes. Der Raum als architektonisches Gebilde trägt bestimmte akustische Eigenschaften, die durch Klänge selbst hörbar gemacht werden können. Blesser/Salter entleihen diesen Begriff der Optik: „Just as light illuminates objects and geometries to provide a visual experience of them, sound illuminates objects and geometries to give them an audible manifestation.“ (2)

Voraussetzung für einen hörbaren Raum ist die Präsenz eines Hörenden, mit seiner menschlichen Erfahrung, seiner „leiblichen Anwesenheit“ (Böhme): „Dies ist der Raum, den wir durch unsere leibliche Anwesenheit erfahren, also der Raum, den wir leiblich oder am eigenen Leibe spüren. Dieser Raum ist wesentlich durch Enge und Weite konstituiert. Er ist […] ein nicht homogener und anisotroper Raum, d.h. er ist zentriert: nämlich bestimmt durch das absolute Hier, an dem ich mich befinde […].“ (3)

Das Raumkonzept, das Böhme verfolgt, ist weder ein mathematisches von Distanz und Abstand (Spatium), noch ein topographisches, geprägt von Umgebungen und Zwischenbeziehungen (Topos), sondern geht von der leiblichen Präsenz des Menschen – hier des Hörenden – aus, der den Raum akustisch wahrnimmt.

Um die menschliche Wahrnehmung des Raumes und der Klänge, die in ihm und durch ihn erzeugt werden, geht es auch Blesser und Salter, die das Konzept der „auralen Architektur“ verfolgen. Auch hier wird die sinnliche Erfahrung des Menschen im Raum als Grundbedingung vorausgesetzt: „Aural Architecture is the composite of those spatial properties that have an audible manifestation. Spatial acoustics produces dozens of audible cues that can be detected, decoded and interpreted, and when listeners attend to those cues, they are engaging in auditory spatial awareness.“ (4)

Während „akustische“ Architektur die Eigenschaften des Raums in ihrer wissenschaftlich messbaren Form der Schallphysik beschreibt, wendet sich die „aurale“ Architektur der Wahrnehmung von Klangereignissen im Raum zu. Hier geht es um eine Raumwahrnehmung durch aufmerksames (Zu-)Hören.

Wie klingt ein Raum?

Keine Ahnung von Schwerkraft setzt genau hier an, in der Erforschung der akustischen Möglichkeiten einer auralen Architektur. Die Arbeit mit dem Raum und die daraus resultierenden Kompositionen fordern zum genauen Hören des bespielten Ortes auf und zur Erweiterung der Wahrnehmung von Klängen, die uns umgeben und der Umgebung, die um uns herum hörbar wird.

Literatur:

(1) Barry Blesser und Linda-Ruth Salter (2008): Aural Architecture, in: TunedCity. Zwischen Klang- und Raumspekulation, hg. v. Doris Klein, Anne Kockelkorn, Gesine Pagels und Carsten Stabenow, Idstein: Kookbooks, 108.

(2) ebd.

(3) Böhme (2006): Architektur und Atmosphäre, 88.

(4) Blesser/Salter (2008): Aural Architecture, 108.

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