{kA}: keine Ahnung von Schwerkraft
— Kanzlei für Raumbefragungen

Kanzlei für Raumbefragungen

Die Kanzlei für Raumbefragungen wurde 2010 von Gerriet K. Sharma, Saskia Reither und Nico Bergmann gegründet, um das Projekt {kA} : keine Ahnung von Schwerkraft zu realisieren. Im Herbst 2012 wurde die Gruppe durch Astrid Mönnich ergänzt.

Zusammen erforschen, dokumentieren und reflektieren die Mitglieder, welche akustischen Möglichkeiten und Klangeigenschaften temporär leerstehende Gebäude haben. Die Ergebnisse werden in ein mehrteiliges künstlerisches Projekt umgesetzt.

Die Kanzlei dient dabei als Plattform zur Steuerung und Realisierung des Projekts und als Ausgangspunkt zur Vernetzung mit anderen künstlerischen und theoretischen Ansätzen.


Zur Frage nach dem Ursprung und der Herkunft des künstlerischen Materials kommt auch die Frage nach der Strukturierung des künstlerischen Entstehungsprozesses. Zur künstlerischen Arbeit gehört heute selbstverständlich auch, die Arbeit zu organisieren, zu kommunizieren (Ideen, Prozess, Tätigkeiten, Projekte etc.) und zu dokumentieren. Dabei handelt es sich um Aufgaben, die zwar schon von jeher auch von anderen Akteuren des Kunstbetriebes geleistet wurden als nur den Künstlern selbst, z.B. von Kritikern, Kuratoren, Impresarios etc. Die Arbeitsteilung heutiger künstlerischer Produktionsprozesse geht aber über eine organisatorische Funktion hinaus. Sie ist dem Prozess nicht nur äußerlich, sondern integraler Bestandteil der künstlerischen Arbeit selbst.

Die Arbeit keine Ahnung von Schwerkraft ist kein Werk, dass – vereinfacht gesagt - im Computer des Komponisten entsteht, keine Arbeit über ein programmiertes Softwaretool, ein Patch, eine im Computer erzeugte Klangkollage oder eine vom Computer nach gewissen Regeln erzeugte Komposition. Die Kompositionen bestehen zunächst als ein komplexes theoretisches Konzept mit bestimmten Rahmenbedingungen, die einen Möglichkeitsraum für Raum-Klang-Kompositionen eröffnen, ohne dass bereits ihre konkrete Erscheinungsform festgelegt sein würde. Die langfristige und nachhaltig angelegte Arbeit ist ohne engverzahnte personelle Zusammenarbeit nicht möglich, sondern bedarf einer logistischen Planung, überlegten Organisation, theoretischen Reflektion und schließlich einer ausführlichen Dokumentation.

Komposition & Klangkunst {Gerriet K. Sharma}

Der Komponist Gerriet K. Sharma arbeitet in und mit den Gebäuden. Er begeht den Ort, lässt ihn auf sich wirken, testet Klangatmosphäre und Raumakustik und nähert sich dem Ort musikalisch in einem Frage-Antwort-Spiel, der Raumbefragung. Durch eine komplexe Anordnung von 32 Lautsprechern und mit einem „Werkzeugkasten“ aus programmierten Testklängen und Probesequenzen erforscht Gerriet K. Sharma das Gebäude akustisch. Seine kompositorische Antwort ist die aus den Erfahrungen resultierende Komposition vor Ort.

Projektmanagement & Research {Saskia Reither | Astrid Mönnich}

Gebäudeklangkompositionen sind logistisch und organisatorisch aufwändig und unberechenbar. Steht ein geeignetes Gebäude leer, ist schnelle Kontaktaufnahme mit zuständigen Eigentümern notwendig, Sicherheitsauflagen, Mietverträge, Transportwege und Versicherungen müssen geklärt werden. Für die Kommunikation mit Ansprechpartnern vor Ort, den Aufbau eines notwendigen Netzwerks zwischen Kooperationspartnern, Transporteuren sowie der Präsentation des Projektes gegenüber regionalen und überregionalen Sponsoren und Geldgebern bis hin zur Organisation und Vermittlung des jeweiligen Konzertes in den Räumen nach der Kompositionsphase bedarf es eines komplexen Projektmanagements. Zudem muss die Koordination von außen zwischen den Beteiligten in den Händen einer Person liegen, die nicht vor Ort rein künstlerisch involviert ist, um die kompositorische Arbeit von den vorher nicht planbaren Schwierigkeiten zu entlasten.

Neben den logistisch-organisatorischen Fragen gehört zu einem Projekt mit forschendem, experimentellen Ansatz wie keine Ahnung von Schwerkraft die wissenschaftliche Reflexion und Erschließung theoretischer Kontexte, in die die Arbeit eingebunden ist. Dabei geht es ebenso um die Verbindung der Kompositionen mit einschlägigen Themenfeldern an den Schnittstellen von Architektur, Klang, Wahrnehmung, Raum etc. sowie auch um eine Beschreibung und Auslegung der so entstandenen Kompositionen.

Gestaltung & Dokumentation {Nico Bergmann}

Das Projekt benötigt aufgrund seiner künstlerisch-forschenden Ausrichtung an eher „versteckten“ Orten eine öffentlichkeitsorientierte mediale Außendarstellung und Vermittlung. Die Besonderheiten der Raumarchitektur werden ebenso fotografisch festgehalten, wie die Arbeitsschritte des kompositorischen Prozesses. Zudem werden die vom Komponisten angefertigten Skizzen und Pläne, seine Aufzeichnungen und die während der Arbeit entstandenen Dokumentationsfotos archiviert und für abschließende Publikationen aufbereitet. Die Internetseite ist dabei nur ein Mittel, den Entstehungs- und Produktionsprozess von keine Ahnung von Schwerkraft nachzuzeichnen und festzuhalten. Darüber hinaus wird Nico Bergmann auch Video-Dokumentationen der abgeschlossenen Arbeit und der Konzerte anfertigen. Zur Kommunikation des Projektes nach außen bedarf es unterschiedlichen Werbematerials (Broschüren, Konzertankündigungen, Flyer), für das der Grafiker ebenfalls das gestalterische Erscheinungsbild entwickelt.

Die personelle Konstellation ist als „Ensemble“ zu begreifen, bei dem das „geübte Zusammenspiel“ nicht nur die Komposition erfahrbar macht, sondern ihr Entstehen erst ermöglicht. D.h. es handelt sich nicht um eine organisatorische Notwendigkeit (dann wäre der Spediteur auch Teil der Komposition), sondern um eine künstlerische Setzung. Die Zusammenarbeit ist dabei zeitlich und organisatorisch so verzahnt, dass sie selbst performative Züge enthält und in ihrer Gesamtheit als künstlerischer Produktionsprozess begriffen werden muss. Organisation, Vermittlung, theoretische Reflexion und Dokumentation werden in die künstlerische Produktion integriert und beeinflussen sich gegenseitig.

Keine Ahnung von Schwerkraft versteht sich in diesem Sinne als Ansatz für eine Kompositionsweise, die im Dialog mit ihren Bedingungen entsteht und besteht und zwar sowohl den musikalischen als auch den medialen, den organisatorischen und den technischen. Das künstlerische Material ist hier kein erfundenes, sondern ein gefundenes, entstanden aus dem Zusammenspiel der Ensemblemitglieder.

Raum

keine Ahnung von Schwerkraft geht von dem akustischen Potential von Orten in Gestalt urbaner Leerstände aus und verräumlicht sie in der kompositorischen Weiterentwicklung und hörbaren Manifestation ihrer Klangimplikationen. Michel de Certeaus Ansatz, Raum und Ort zu differenzieren, liefert hierbei einen passenden, weil seinerseits auf Alltagsgegebenheiten ausgerichteten Rahmen. Sein Orts- und sein Raumkonzept sind in seine soziologischen Theorie des Alltagslebens eingebettet (‘Invention du Quotidien. Vol. 1, Arts de Faire, Paris 1980 (deutsch: Kunst des Handelns, Merve Verlag, Berlin 1988). Ort bezeichnet darin das Eigene, eigentlich das Originäre, das sich definitorisch scheidet von demjenigen, was es nicht ist. Gegenüber einer solcherart stabilen Konstellation ist Raum ein dynamisches Konzept. Raum entsteht aus Ort und zwar qua Eingriff, was Certeaus handlungstheoretischen Argumentationsrahmen plausibel macht. Raum ist “ein Resultat von Aktivitäten, die ihm eine Richtung geben, ihn verzeitlichen”. Die Rede von richtungsweisenden Vektoren, die den Raum “als eine mehrdeutige Einheit von Konfliktprogrammen und vertraglichen Übereinkünften” funktionieren lassen, zeigt deutliche Nähe zu Formulierungen der Akteur-Netzwerk-Theorie. Michel Callon und Bruno Latour nehmen in ihren Texten mehrstufige Prozesse der Erzeugung von Übereinstimmung in Netzwerken an, im Zuge derer unterschiedliche Aktanten ihre Interessen und Ziele aufstellen und verändern, Handlungsprogramme und Gegenprogramme aufgefahren und Aktanten neu eingeführt, umdefiniert oder entfernt werden (vgl. Ingo Schulz-Schaeffer: Kapitel VIII. Akteur-Netzwerk-Theorie. Zur Koevolution von Gesellschaft, Natur und Technik. In: Johannes Weyer (Hrsg.): Soziale Netzwerke. Konzepte und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung. München. 2000, S. 187–211, abgerufen am 25.3.2011). Die hierbei angenommenen Übereinkünfte, Verhandlungen oder allgemeiner gesprochen der mit dem Ziel der Etablierung von Situationen betriebene kommunikative Austausch ist für die Komposition einer akustischen Raumwerdung eines Orts nicht nur metaphorisch zu deuten: Ortskoordinaten, messtechnische Geräte, die die Ortsperspektiven akustisch abtasten, klangerzeugende und klangmodulierende Geräte stellen neben dem Komponisten und anderen Protagonisten des künstlerischen Prozesses Aktanten dar, die die Ausgestaltung der Raumklänge und Klangräume als Ergebnis ihrer gegenseitigen Einflussnahme programmieren.
Certeaus Bild für die Transformation von Ort in Raum ist der Gehende, der die geometrische Festlegung eines Orts dynamisiert. keine Ahnung von Schwerkraft praktiziert eben diese Transformation, indem auf bestehende Ortskoordinaten referierende Klänge zu Gehenden werden, neue Vektoren ausprägen. keine Ahnung von Schwerkraft verdeutlicht, dass die Raumwerdung gleichsam die Generierung von virtuellem Raum bedeutet. Neben dem Differenzkriterium der Bewegtheit, das dem Ort stets einen “reglosen Körper” zuordnen und dem Raum einen sich bewegenden Körper zuordnet, hebt Certeau in Konsequenz seiner handlungstheoretischen Grundorientierung auf die Handlungen ab, die Orte quasi historisieren, ihnen als Räume Geschichte geben. keine Ahnung praktiziert eine Art Historisierung der einem Ort abgehörten Klänge, indem diese mit Klängen der Ortsnutzung in Beziehung gesetzt werden. Die Klänge der Ortsnutzung müssen in einer Art Feldforschung ermittelt werden, um sie teilweise als Vektoren, teilweise als Gegenkräfte oder schlicht als Bewegungselemente des virtuellen Raums zu inszenieren.