{kA}: keine Ahnung von Schwerkraft
— Kanzlei für Raumbefragungen

keine Ahnung von Schwerkraft

Die Projektreihe beschäftigt sich mit der künstlerischen Erforschung von Gebäude-Klangkompostionen.

Ausgehend von Graz werden unterschiedliche, temporär leerstehende Gebäude in verschiedenen europäischen Städten als Klangräume genutzt und als integraler Bestandteil von mehrkanaligen Klangkompositionen verstanden und erfahrbar gemacht. Es wird eine Werkreihe von Kompositionen mit und in diesen Gebäuden entstehen. Auf diese Weise werden Erfahrungswerte gesammelt, wie klangkünstlerisch auf ortsspezifische Gegebenheiten reagiert werden kann bzw. diese umweltbedingten akustischen Charakteristika Teil einer vorher nicht existierenden Komposition werden. Die Reihe wird Publikum zugänglich gemacht, ausführlich dokumentiert und für verschiedene Abhörsituationen aufbereitet.

Klangkunst als alternative Nutzungsform von Leerstand. Vorübergehend nicht genutzte Orte bieten eine Chance zu einer anderen ästhetischen und akustischen Wahrnehmung der (Um-)Welt. Das Projekt wird so auch Teil der aktuellen künstlerischen und theoretischen Debatte um Klang/Geräusch, Urbanität, Architektur und Wahrnehmung.


[…] So stark dieses Erlebnis einer ersten Raum-Musik auch war, so zeigte sich doch von Anfang an die Schwierigkeit, diese Musik in einem Raum vorzuführen, der für ganz andere Zwecke gebaut wurde. Es müssen neue, den Anforderungen der Raum-Musik angemessene Hörsäle gebaut werden […].

(K. Stockhausen, Musik im Raum 1958).

{ IDEE }

Diese nach der Uraufführung von Gesang der Jünglinge vom Komponisten niedergeschriebenen Zeilen schildern ein mittlerweile klassisches Problem der elektroakustischen Aufführungspraxis. Im Studio produzierte Kompositionen treffen im herkömmlichen Konzertsaal auf für ihren Klang und ihre Struktur meist ungeeignete akustische Bedingungen. Als Konsequenz wurden entweder Klang-Raumreproduktionsverfahren entwickelt, die eine Raumbespielung möglichst unabhängig von der jeweiligen Raumsituation erlauben oder spezielle Säle für die elektroakustischen Vorführungen gebaut.

Im Rahmen der Kompositionsreihe keine Ahnung von Schwerkraft verfolgt Gerriet K. Sharma konzeptionell und kompositorisch einen umgekehrten Ansatz.

Bislang beschäftigte er sich mit Raum-Klangkompositionen in Verbindung mit den Audiotechnologien Ambisonics und Wellenfeldsynthese (WFS), bei deren Anwendung der Raum der Klangproduktion eine eher nachgeordnete Rolle spielte. Im neuen Projekt soll der Raum als Ausgangspunkt und untrennbarer Bestandteil der Komposition im Vordergrund stehen. Trotz aller interessanten theoretischen Überlegungen und Hintergründe zu Ambisonics oder Wellenfeldsynthese, Sweet Spot oder Sweet Field spielt der Kompositions- und Aufführungsraum eine grundlegende und nicht konservierbare oder gar transportable Rolle für den Gesamtklang und die Wahrnehmung. Der Raum ist somit häufig nicht Bedingung für die Produktion oder die Wahrnehmung, sondern fester Bestandteil der Komposition.

{ ZIEL }

Hier geht es nicht um die einmalige Erprobung einer kompositorischen Idee in einem Gebäudekontext. Vielmehr zielt das Projekt auf eine sukzessive Erforschung der sich aufgrund dieser Rahmenidee ergebenden klangkünstlerischen Möglichkeiten an verschiedenen Orten. Die jeweiligen akustischen und baulichen Eigenheiten und ihre spezifische Geschichte werden mit einem noch zu entwickelnden und im Prozess zu verfeinernden Grundinstrumentarium verarbeitet. Sowohl die Komposition als auch das Lautsprecherkonzert im Anschluss daran sollen nicht im eigens für elektronische Musik gebauten Saal oder Studio stattfinden, sondern am jeweiligen Ort selbst, der üblicherweise einem anderen Zweck dient oder gedient hat und der durch seine bauliche Beschaffenheit Ausgangspunkt und Hauptbestandteil der Komposition geworden ist.

Die Kompositionen sind ephemer, da diese Gebäude über kurz oder lang abgerissen oder umgebaut werden und sich die akustische Umgebung durch fortwährende Baumaßnahmen drastisch ändern kann. Publikum kann die Komposition nur für einen begrenzten Zeitpunkt im jeweiligen Gebäude hören.

Es geht also nicht mehr um die Erfindung, Originalität, Individualität, sondern um die Perspektive auf das Vorzufindende, auf das Erzählen mit dem Vorgefundenen, in anderen als den bekannten Kontexten.

(Heiner Goebbels, Komposition als Inszenierung, Berlin 2002, 181)

Ziel ist es, eine andere (neue) Praxis der Raum-Klangkomposition zu entwickeln. Gebäude sollen beim Betreten kompositorisch “gelesen” werden können, die Komposition beginnt mit dem ersten “geübten” (Hör-)Eindruck. Dieser Eindruck soll in einer kompositorischen Antwort als eigenständige Raum-Klangkomposition mitgeteilt werden. Mit keine Ahnung von Schwerkraft wird eine Alternative zu existierenden kompositorischen Praxen erarbeitet werden. Die elektroakustische “Studiokunst” wird hier mit der Alltagswelt (ökologisches Gefüge) konfrontiert.

{ LEERSTAND ALS THEMA }

Die Verwendung leerstehender Gebäude hat zunächst einen sehr praktischen Grund: man stört niemanden, kann in Ruhe experimentieren und beschäftigt sich ausschließlich mit dem Ort.

Künstlerisch aber nicht weniger interessant und für diese Kompositionsreihe wichtig ist die Thematisierung eines gesellschaftspolitischen Phänomens. Gebäudeleerstand hat es natürlich immer schon gegeben, aber in den letzten Jahren wurde dieser in Innenstädten und Randbereichen immer auffälliger. Manche Fußgängerzonen sind oberhalb der ebenerdigen Geschäftszeile nahezu verwaist. Transparente mit der Aufschrift „Zu vermieten, provisionsfrei abzugeben!“ neben Baustellen des Bürobaubooms kommentieren ein soziales und vor allem urbanes Spannungsverhältnis unserer Zeit.

Keine Ahnung von Schwerkraft beschäftigt sich mit ehemals wirtschaftlich und sozial im Umfeld völlig integrierten Gebäuden (Kanzleien, Krankenhäuser, Kaufhäuser, Hotels, Amtsstuben), die aufgrund ihrer Vergangenheit von Formen, ihrer baulichen Ästhetik, klanglichen Eigenheiten (Nachhall, Absorptionseigenschaften etc.) und nicht zuletzt von ihrer jeweiligen Geschichte gekennzeichnet sind. Die leerstehenden Gebäude verschwinden nach kurzer Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung, eine Lücke entsteht. Erst bei Abriss rückt der Ort wieder ins Bewusstsein.

Lücken der Wahrnehmung sind Ansatzpunkte für die Künste, denn hier können grundlegende Fragen an die Wahrnehmung der Umwelt gerichtet werden: Welche Beziehungen haben wir zum Klang unserer Umwelt? Gibt es ein akustisches Weltbild? Welche akustischen Phänomene werden ausgeblendet, welche während der Wahrnehmung mit anderen Höreindrücken überlagert? Etc.

Im Projekt keine Ahnung von Schwerkraft findet eine temporäre Umwidmung eines Orts statt, der als „leer“, also im wirtschaftlichen Sinne nutzlos und im gesellschaftlichen Sinne “ohne Leben”, entweder auf seinen Abriss wartet oder auf die nächste Nutzungsphase. Die Komposition “vor Ort” wird hier zu einer künstlerischen Erprobung alternativer, temporärer Nutzungsformen von Leerstand, der auch im “ungenutzten” Zustand eine eigene Geschichte, Gestaltung und Atmosphäre birgt. Diese Eigenheiten können in der künstlerischen Inszenierung erfahrbar werden. Die einseitige — meist abwertende — Sicht- bzw. Hörweise auf diese Leerstellen oder gar Nicht-Orte in unserer unmittelbaren Nachbarschaft kann durch die alternative Interpretation des Orts erweitert werden.

{ KÜNSTLERISCHE FORSCHUNG }

Keine Ahnung von Schwerkraft ist auch als ein Beitrag zur künstlerischen Forschung zu verstehen. Mit seinem Ansatz, die akustischen Eigenschaften der (sozialen) Umwelt herauszuarbeiten, befindet sich der kompositorische Ansatz im Bereich der Grundlagenforschung. Der Künstler nähert sich den Gebäuden mit einem standardisierten Frage-Antwort-Spiel. Allmählich, von Gebäude zu Gebäude, lassen sich diese Fragen genauer und direkter stellen. Auf dieser Basis können Eigenschaften des Materials, der Raum und das Zusammenspiel mit der Umgebung “gelesen” werden.

So entsteht eine akustische (Eigen-)Wahrnehmungsschule, deren Ergebnisse als Grundlagen anderer künstlerischer Arbeiten dienen können. Durch die Werkreihe entsteht ein implizites künstlerisches Wissen, ein Vokabular, das zur Basis einer neuen, dann noch zu formulierenden, kompositorischen Praxis werden kann.