{kA}: keine Ahnung von Schwerkraft
— Kanzlei für Raumbefragungen

Methode zur Raumbefragung

Der kompositorische Produktionsprozess von keine Ahnung von Schwerkraft wird in vier Phasen unterteilt:

  1. Begehung
  2. Raumbefragung
  3. kompositorische Antwort
  4. Konzert

Die erste Arbeitsphase widmet sich dem allgegenwärtigen Leerstand von Gebäuden. In Geschäftsstraßen, Wohn- und Industriegebieten stehen immer mehr Gebäude immer länger leer. Diese verlassenen und von der Umgebung isolierten Gänge, (Büro-)Räume, Keller und Treppenhäuser sollen im Projekt keine Ahnung von Schwerkraft als Resonanz-, Konzert- und Aufzeichnungsorte genutzt werden.


{ 1 BEGEHUNG }

Die kompositorische Idee ist, die Arbeit am Ort und aus dem Ort heraus zu entwickeln. D.h. die Komposition wird nicht, auch nicht in Teilen, im Studio vorproduziert und dann an den jeweiligen Raum angepasst. Vielmehr beginnt die klang-raumkompositorische Arbeit immer erst im Moment des Betretens des Gebäudes.

Keller werden zu natürlichen Hallräumen, durch geöffnete Fenster dringen Umgebungsgeräusche ein, Türen werden als Filterung eingesetzt. Die Dämm- bzw. Reflektionseigenschaften der vor Ort verbauten Materialien wie Teppichböden, Glas, Holz, Stahl spielen z.B. ebenso bei der Positionierung der Lautsprecher als auch bei der Entwicklung des Klangmaterials eine Rolle.

Ortspezifische Klänge des Gebäudes werden in die kompositorische Arbeit mit einbezogen, aber auch Geschichte und ursprüngliche Widmung werden Anstoß oder Motivation für die Klangentwicklung und Strukturierung.

Jedes Gebäude wird zunächst so weit wie möglich ausführlich begangen. Das Hören der ortspezifischen Klänge ist immer der Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Das Ohr wird im gesamtkompositorischen Prozess zum wichtigsten Werkzeug.

Wie wirkt der Ort auf mich?

{ 2 RAUMBEFRAGUNG }

Auf der Basis der durch die Begehung gewonnenen Erfahrungen erfolgt in einem weiteren Schritt eine Art Raumbefragung.Hierfür haben Gerhard Eckel, David Pirrò und gksh verschiedene Software-Werkzeuge programmiert und vorbereitet, Standard-Anwendungen, die die Räumlichkeiten „testen“ (z.B. Eigenfrequenz, Hallzeiten, Absorption, Grenzfrequenz, Raumeigenmoden):

Konzeptueller Werkzeugkasten:

  • SuperCollider - Patches für die Spatialisierung und für schnelles Testen eines Klangraums, z.B. mehrkanalige (im Gebäude) rotierende Bursts, tiefe kurze Pulse, hochfrequente Wellen, verschiedene Tonhöhen für verschiedene Räume, um das Gebäude akkordisch stimmen zu können.
  • Logic-Templates für das Arrangement und die Klangorganisation mit Filtern und EQs in den Kanalzügen, Mehrkanalausgabe, Verbindung über Jack mit SC.
  • Standard Klangfolgen und Arrangements, die bekanntes Klangmaterial beinhalten, um einen ersten Raumeindruck zu bekommen.
  • Einbeziehung eines Controllers zur Steuerung der Klänge im Gebäude.
  • Festes Lautsprecher-Setup (vgl. Instrumentarium).

Im Grunde nähert man sich dem Gebäude durch ein zunächst standardisiertes Frage-Antwort-Spiel (akustischer Fragebogen), das dann erweitert und variiert werden kann.

Wie reagiert der Ort?

Es geht in diesem Stadium jedoch nicht ausschließlich darum, eine Vorbereitung oder einen Einstieg in die Komposition zu finden. Vielmehr liegt dem Ganzen die Annahme zugrunde, dass die Antworten sich wahrscheinlich zu weiteren Hör-Erfahrungswerten verdichten, so dass man bei jedem neuen Gebäude die Fragen genauer oder direkter stellen kann und die Eigenschaften des Materials, den Raum und das Zusammenspiel mit der Umgebung vielleicht sogar zu lesen lernt.

{ 3 KOMPOSITORISCHE ANTWORT }

Aufgrund von Erfahrungen entsteht das Stück, am Ort, aus dem Ort. Dies kann bedeuten:

  • Einbeziehung der akustischen Gegebenheiten,
  • Verwendung ortsspezifischer Klänge,
  • Modifizierung ortspezifischer Klänge,
  • Spatialisierung von Klängen im
    Gebäude,
  • völlige Verweigerung gegenüber
  • akustischen Gegebenheiten und
    ortsspezifischen Klängen.

Wie kann man einen Ort akustisch (um-)gestalten?

Wird der Ort hierdurch ein anderer, weil seine Wahrnehmung eine andere wird?

Gibt es eine akustische Architektur?

Hierbei entsteht implizites künstlerisches Wissen, das die neue Praxis informiert, bzw. deren Basis wird. Dieses spezifische Wissen kann folglich nur anhand von Werken, also der Arbeit im Gebäude, und aufgrund seiner prägenden Wirkung mit den hiervon ableitbaren Erfahrungen für weitere Arbeiten entstehen.

{ 4 KONZERT }

Für die Präsentation und Wahrnehmung der Arbeit „vor Ort“ sind verschiedene Szenarien denkbar. Auch hier sollte das Gebäude mit seinen baulichen und akustischen Eigenschaften ausschlaggebend sein.

Zum einen könnten in einem Gebäudekomplex verschiede Orte bestuhlt werden, an denen die durch das Gebäude gefärbten Klänge „zusammen kommen“: z.B. Bestuhlung eines Treppenhauses, das verschiedene Etagen verbindet oder Kreuzungsräume in einem Gangsystem.

Wenn mehrere Abhörplätze gefunden werden, ist auch das mehrmalige Abhören eines Stückes aus verschiedenen Hörperspektiven möglich. Das Publikum würde dann nach jedem Durchgang die Hörplätze wechseln. D.h. das Konzert würde in diesem Fall aus dem gleichen Klangmaterial mit verschiedenen Gebäudefärbungen und -filterungen bestehen.

Aber auch unbestuhlte, mehr installative Formen sind denkbar, wie z.B. ein begehbarer Hörparcour in einem klingenden Gebäude oder eine nur einen Spalt aufstehende Tür, ein Lüftungsschacht oder ein Fenster als fixer Abhörpunkt für eine dahinter liegende Klangwelt.